Das Schicksal der Janusz-Korczak-Gesamtschule (JKG), der ältesten Gesamtschule Bottrops, ist durch eine folgenschwere Entscheidung im Schulausschuss am 10. Juni 2026 besiegelt worden. Mit einer Mehrheit von 16 zu 8 Stimmen stimmte das Gremium für die Umwandlung der traditionsreichen Schule in eine Sekundarschule ab dem Jahr 2028. Was von der Verwaltung unter Schuldezernentin Karen Alexius-Eifert und der Koalition aus SPD und CDU als „logische Konsequenz“ und „schulorganisatorische Notwendigkeit“ dargestellt wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein bildungspolitisches und finanzielles Desaster. Die fundierte Kritik der AfD-Fraktion, vorgetragen durch den Ratsherrn Pascal Falk, legt die eklatanten Widersprüche, die bewusste Ausgrenzung der Schulpraxis und die massiven wirtschaftlichen Risiken dieses Vorhabens schonungslos offen.

Der Entscheidungsprozess im Schulausschuss war von einem besorgniserregenden Mangel an demokratischer Debattenkultur geprägt. Ein formeller Antrag der AfD-Fraktion, dem JKG-Schulleiter René Heuwieser in der Sitzung ein Rederecht einzuräumen, wurde von der Mehrheit aus SPD und CDU rigoros abgelehnt. Während sich der Schulleiter der Willy-Brandt-Gesamtschule, Herr Reuter, letztlich nicht wegen Befangenheit ausschließen lassen musste und somit formell sein Rederecht behielt, wurde dem direkt betroffenen Leiter der JKG, René Heuwieser, das Wort konsequent verweigert. Er musste die zweistündige Debatte über das Schicksal seiner eigenen Schule als stummer Zuhörer verfolgen.

Dieses bewusste Unterbinden des Dialogs deutet darauf hin, dass die Verwaltung und die sie tragende Ratsmehrheit die fachliche Expertise der Schulleitungen fürchteten, da diese die Schwachstellen der offiziellen Beschlussvorlage offenbart hätte. Dieses rücksichtslose Vorgehen hat bereits personelle Konsequenzen: Das gesamte Leitungsteam sowie zahlreiche engagierte Lehrkräfte haben angekündigt, der künftigen Sekundarschule den Rücken zu kehren, was den verbleibenden Standort qualitativ massiv schwächen wird.

Pädagogische Abwertung und künstliche Verknappung von Schulplätzen

Die geplante Umwandlung stellt im Vergleich zur integrierten Gesamtschule eine erhebliche Abwertung des Schulstandorts dar. Die geplante Dreizügigkeit der neuen Sekundarschule führt zu einer harten Deckelung auf lediglich 75 bis 81 Schüler pro Jahrgang. Damit wird im Bottroper Stadtgebiet eine künstliche Verknappung von Schulplätzen herbeigeführt, während gleichzeitig die langfristigen Bedarfsprognosen ungelöst bleiben.

Besonders verheerend wirkt sich dieser Schritt auf das durchlässige, integrierte Schulsystem aus. Bislang fing die Janusz-Korczak-Gesamtschule jene Jugendlichen auf, die im dreigliedrigen System durch Abschulungen von Gymnasien oder Realschulen herabgestuft wurden oder sich in der Erstförderung befanden. Wo diese Schüler künftig untergebracht werden sollen, beantwortet die Vorlage der Verwaltung nicht. Auch das bewährte Konzept der schulischen Inklusion erfährt eine schmerzhafte Kürzung, wie der direkte Kapazitätsvergleich zeigt.

Parameter der Schulorganisation Bisherige Gesamtschule (JKG) Geplante Sekundarschule Differenz und Auswirkungen
Zügigkeit im
Eingangsbereich
Bis zu 4 Züge prognostiziert Harte Begrenzung auf 3 Züge Reduzierung der Gesamtkapazität
auf 75–81 Plätze
Inklusionsplätze pro
Jahrgang
12 Förderschüler Maximal 9 Förderschüler Wegfall von 3 Förderplätzen
pro Jahrgang
Gymnasiale Oberstufe
(Sek II)
Eigene Oberstufe (Kooperation vorhanden) Keine eigene Oberstufe am Standort Vollständiger Wegfall des Abiturs
an der Horster Straße
Lehrstellenstruktur
(Sek II)
Vorhandene Sek-II-Stellen für Lehrkräfte Vollständiger Wegfall der Sek-II-Stellen Abwanderung hochqualifizierter Pädagogen

Die Behauptung der CDU-Fraktion, die Sekundarschule sei lediglich die „kleine Schwester der Gesamtschule“ und die CDU stehe weiterhin hinter integrierten Systemen, erweist sich angesichts dieser Zahlen als reine Rhetorik. Auch das Argument von CDU-Ratsfrau Dr. Bunse, an einer Sekundarschule bestehe eine rechnerisch bessere Schüler-Lehrer-Relation, wiegt den Verlust einer voll ausgebauten gymnasialen Oberstufe und die pädagogische Demontage des Standorts keineswegs auf.

Wie erfolgreich die bisherige Arbeit der JKG war, belegen die jüngsten Absolventenzahlen: Im aktuellen Abiturjahrgang starteten 44 Kinder mit einer reinen Hauptschulempfehlung. 28 von ihnen führten die Lehrkräfte erfolgreich zum Abitur oder zur Fachhochschulreife. Die Schule hat somit genau die soziale Aufstiegsfunktion erfüllt, die das Modell der Gesamtschule legitimiert. Dass die Oberstufe zu klein sei und das Fächerangebot leide, wie von CDU und SPD behauptet, ignoriert zudem die existierende, erfolgreiche Kooperation mit der Willy-Brandt-Gesamtschule, die ein breites Fächerangebot garantierte.

Das 15-Millionen-Euro-Fiasko: Finanzpolitischer Blankoscheck für den Steuerzahler

Die wirtschaftlichen Dimensionen der Umwandlung offenbaren eine erschreckende Konzeptlosigkeit der Bottroper Stadtverwaltung. Seit dem Jahr 2022 befindet sich an der JKG eine Großbaustelle. Die Gesamtkosten für diese laufende Sanierung belaufen sich auf 15,1 Millionen Euro, von denen bereits knapp 11 Millionen Euro verbaut oder fest vertraglich gebunden sind. Am 2. Juni 2026 musste die Verwaltung schriftlich eingestehen, dass diese gesamten baulichen Planungen vollständig auf das Raum- und Pädagogikkonzept einer Gesamtschule zugeschnitten sind und nach dem Aufkommen der Umwandlungsdebatte nicht mehr angepasst werden konnten.

Gleichzeitig sind die tatsächlichen Kosten für die eigentliche Umwandlung in eine Sekundarschule, die notwendigen Personalmaßnahmen, die baulichen Anpassungen für die verbleibende Sekundarstufe II während der Übergangsphase sowie die künftigen Schultransporte laut offizieller Auskunft der Verwaltung aktuell noch nicht bezifferbar.

Finanzielle Kennzahl / Posten Betrag in Euro Status und administrative Relevanz
Gesamtkosten der laufenden Sanierung 15.100.000 € Auf das Konzept einer Gesamtschule zugeschnitten
Bereits verbaute / beauftragte Mittel ca. 11.000.000 € Unumkehrbar investierte Steuergelder
Kosten für Umwandlung und Transport Nicht bezifferbar Verwaltung verweigert konkrete Kostenaufstellung
Zusatzinvestitionen für Schulmarketing Unbekannt Fokus auf teure PR-Mittel, Marketing und Erklärvideos

Die Ratsmitglieder wurden somit aufgefordert, einen finanziellen Blankoscheck für ein Projekt auszustellen, dessen Gesamtkosten im Dunkeln liegen. Anstatt ein schlüssiges bauliches und pädagogisches Konzept vorzulegen, setzt die Verwaltung auf teure Marketingkampagnen, Erklärvideos und eine neue Namensgebung, um den künftigen Standort künstlich attraktiv zu machen. Eine Werbekampagne und ein neues Türschild können jedoch die strukturellen und baulichen Mängel einer überstürzten Umwandlung nicht kompensieren.

Keine Notlage: Administrative Eile trotz fehlender rechtlicher Notwendigkeit

Der von der Verwaltung und den Altparteien erzeugte Zeitdruck hält einer sachlichen Überprüfung nicht stand. Oft wurde suggeriert, die Bezirksregierung Münster erzwinge diesen Schritt. Der zuständige Abteilungsleiter der Bezirksregierung, Herr Schmied, stellte jedoch bereits am 2. April klar, dass die Aufsichtsbehörde lediglich beratend tätig ist und ausdrücklich kein Handlungsdruck für eine Umwandlung besteht. Die Bottroper Verwaltung treibt diese Maßnahme somit aus freien Stücken und ohne äußeren Zwang voran.

Besonders unverständlich ist diese Eile vor dem Hintergrund des anstehenden 19. Schulrechtsänderungsgesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieses Gesetz sieht vor, den Bestand von Schulen künftig auch über die Schülerzahlen im 7. Jahrgang rechtssicher zu schützen. Da die Janusz-Korczak-Gesamtschule durch Schulformwechsler im 7. Jahrgang verlässlich die Vierzügigkeit erreicht, würde dieses Gesetz den Standort in seiner jetzigen Form als Gesamtschule dauerhaft absichern.

Um dieser gesetzlichen Neuregelung zuvorzukommen und vollendete Tatsachen zu schaffen, hat die Verwaltung in ihrer Beschlussvorlage die sofortige Vollziehung angeordnet. Dies stellt einen gezielten administrativen Kniff dar, um die aufschiebende Wirkung möglicher Klagen vor dem Verwaltungsgericht auszuhebeln und den berechtigten Widerstand der Eltern, Schüler und Lehrer juristisch kaltzustellen. Zudem wird durch diesen überstürzten Prozess der Ratsbeschluss vom 28. Mai 2024 zur Gründung einer dringend benötigten neuen Gesamtschule im Bottroper Stadtgebiet auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, was die Schulplatznot in den kommenden Jahren weiter verschärfen dürfte.

Fazit und politischer Appell der AfD-Fraktion

Die durchgeboxte Umwandlung der Janusz-Korczak-Gesamtschule ist das Ergebnis einer verfehlten Schulentwicklungsplanung, die rein fiskalischen und bürokratischen Erwägungen folgt und dabei das Wohl der Kinder opfert. Sie ist rechnerisch unvollständig, pädagogisch destruktiv und finanziell ein unkalkulierbares Abenteuer auf Kosten der Bottroper Steuerzahler. Während die SPD-Sprecherin Birgit Sochert beteuert, dass dieser Kompromiss wehtut, und die CDU von einer neuen Konzeption fabuliert, wird ohne Not ein funktionierendes, sozial gerechtes Schulmodell zerschlagen.

Die AfD-Fraktion im Rat der Stadt Bottrop kritisiert diese Entscheidung aufs Schärfste. In seiner Rede appellierte Ratsherr Pascal Falk eindringlich an das Verantwortungsbewusstsein aller Kommunalpolitiker, die künstliche Brandmauer zur AfD-Fraktion bei Kernfragen der schulischen Bildung fallenzulassen. Die Verpflichtung gegenüber den Schülern, den verunsicherten Eltern und den um ihre Arbeitsplätze bangenden Lehrkräften und Schulsozialarbeitern muss schwerer wiegen als parteipolitisches Taktieren.

Die Vorlage der Verwaltung entbehrt jeder soliden Grundlage und wird von der AfD-Fraktion aus tiefster inhaltlicher Überzeugung abgelehnt. Der Rat der Stadt Bottrop steht in der kommenden Juli-Sitzung in der Pflicht, dieses unausgegorene Konzept endgültig zurückzuweisen und die Janusz-Korczak-Gesamtschule im Sinne ihrer Schüler zu erhalten. Denn wie bereits der Namenspatron der Schule, Janusz Korczak, treffend formulierte: „Kinder werden nicht erst zu Menschen, sie sind bereits welche.“